Aufgrund ihres geringen Gewichtes und den noch unausgereiften Verdauungsfunktionen benötigen Frühchen eine auf sie zugestimmte Nährstoffzufuhr. Welche Ernährung ist für sie geeignet?

Wann spricht man von einem Frühchen?

Von einem Frühchen spricht man, wenn ein Baby vor der Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche das Licht der Welt erblickt. In Deutschland sind etwa 9% aller Geburten eine Frühgeburt

Man unterscheidet drei Formen von Frühchen:

  • Extreme Frühchen: Geburt vor Vollendung der 28. SSW oder Gewicht unter 1000 Gramm
  • Sehr frühe Frühchen: Geburt vor Vollendung der 32. SSW oder Gewicht unter 1500 Gramm
  • Mäßig frühe Frühchen: Geburt vor Vollendung der 37. SSW oder Gewicht unter 2500 Gramm

Aufgrund ihres geringen Gewichtes von weniger als 2500 Gramm und den noch unausgereiften Funktionen von Verdauung und Stoffwechsel, benötigen sie für eine gesunde Entwicklung eine spezielle, auf sie zugestimmte Nährstoffzufuhr. Wie kann diese aussehen?

Ernährung von Frühchen: Muttermilch essentiell für gesunde Entwicklung

Wie bei allen Kindern ist Muttermilch auch für Frühchen die beste Wahl für eine gesunde Entwicklung, da sie beispielsweise wichtige Antikörper enthält, die das kindliche Immunsystem stärken. Muttermilch passt sich immer genau an die Bedürfnisse des Kindes an, und auch bei Frühchen, die zu früh das Licht der Welt erblicken, ist sie genau auf deren besondere Bedürfnisse zugeschnitten. Muttermilch, die von Müttern mit einem Frühchen produziert wird, ist anders zusammengesetzt, als ‚herkömmliche‘ Muttermilch, da der darin enthaltene Proteingehalt viel höher ist. Auch die darin enthaltenen Antikörper sind gerade für Frühchen enorm wichtig, da sie sehr anfällig für Infektionen sind.


Je nach Alter des Kindes sind allerdings die Saugfunktionen noch nicht vollends entwickelt, was das Stillen erschweren kann. Oft sind auch noch die Aufnahmefähigkeit und Beweglichkeit des Verdauungstraktes eingeschränkt. In diesen Fällen kann eine Versorgung mit Muttermilch oder künstlicher Frühchennahrung mittels Magensonde (auch enterale Ernährung genannt) erfolgen. Dies ermöglicht eine zielgenaue Zufuhr von Nährstoffen und Frühchen müssen nicht schlucken oder saugen, was wertvolle Energie rauben würde, die sie für ihr Wachstum benötigen. Extreme Frühchen, die noch sehr unreif sind, werden in der Regel zunächst intravenös (auch parenterale Ernährung genannt) ernährt.

Da der Magen-Darm-Trakt noch nicht ganz ausgereift ist, ist es wichtig, nur kleine Mengen zu füttern, um ihn nicht zu überfordern. Das Wachstumsziel für sehr kleine Frühgeborene liegt etwa bei 17g/kg/Tag. Da vor allem extreme und sehr frühe Frühchen noch mitten in der Entwicklung sind, ist deren Flüssigkeitszufuhrbedarf 15 – 20% höher als bei reifgeborenen Babys. 

Manchmal kann auch Stress dazu führen, dass die Milchbildung erst später bei der Mutter einsetzt. In diesen Fällen kann in manchen Krankenhäusern auf gespendete Muttermilch zurückgegriffen werden. Diese hat allerdings durch einen Verarbeitungsprozess nicht mehr ihre bioaktiven Bestandteile, weswegen, wenn möglich, immer Kolostrum gefüttert werden sollte. Ist weder Kolostrum noch Spendermilch vorhanden, wird im Krankenhaus spezielle Säuglingsnahrung für Frühchen angeboten, die mit Proteinen und weiteren Nährstoffen zugesetzt ist. Der Proteinbedarf liegt etwa bei 3,5 – 4,5 g pro Kilogramm pro Tag. Für die ersten Lebensmonate wird zusätzlich eine Gabe von 800 – 1000 IE Vitamin D empfohlen und eine Eisenzufuhr von 2-4 mg pro Kilogramm pro Tag. Gegebenenfalls muss eine individuelle Menge an Phosphat und Kalzium der Milch zugeführt werden. 

Was kann man selbst für die Ernährung eines Frühchens tun?

Die Geburt eines Frühchens kann eine sehr emotionale und stressige Zeit sein, denn Eltern müssen hier in der Regel oft Kontrolle an das Krankenhauspersonal abgeben. Dieses versorgt das Kind mit den nötigen Nährstoffen und macht wichtige medizinische Untersuchungen und Kontrollen, um ein gesundes Wachstum zu gewährleisten.

In manchen Fällen kann es sein, dass Mutter und Kind sogar getrennt sind. Hier ist es wichtig, dass Mütter dabei helfen, ihr Kind so gut es geht zu versorgen, auch wenn sie das Kind eventuell nicht zum Stillen anlegen können. Gleich in den ersten Stunden nach der Geburt sollten Mütter anfangen, Milch abzupumpen oder auszumassieren, damit ihr Baby von der wichtigen Erstmilch, dem Kolostrum, profitieren kann. Ab der 35. Lebenswoche sind Babys in der Regel stark genug, um selbständig an der Brust zu saugen. Beim Stillen von Frühchen gibt es ein paar Dinge zu beachten, beispielsweise kann man Babys, die noch nicht selbst saugen können, ausgestrichene Muttermilch mit einem Löffel oder einer Spritze (ohne Nadel!) vorsichtig zuführen. Es gibt auch spezielle Becher, mit denen Frühchen ab der 29. Schwangerschaftswoche zugefüttert werden können.

Gerade Mütter von Frühchen sollten Unterstützung durch eine Hebamme bekommen und eine gute Stillberatung erhalten. Kann der Energiebedarf nur durch das Abpumpen oder Stillen nicht gewährleistet werden, kann Zwiemilch angeboten werden. Das heißt, dass das Kind zum einen die wertvolle Muttermilch der Mutter bekommt, aber auch zwischendurch ein Fläschchen mit künstlicher Frühchennahrung. Oft nimmt diese Vorgehensweise Müttern den Druck, genug Milch produzieren zu müssen, was sich sogar positiv auf die Milchbildung auswirken kann, da Mütter mit weniger Stress und ‚Leistungsdruck‘ konfrontiert sind.

Wichtig ist, dass Frühchen neben der Nährstoffversorgung bereits viel Kontakt mit ihren Eltern haben, damit Bonding möglich ist. Denn nicht nur Nährstoffe, sondern auch Liebe und Zuwendung helfen einem Kind dabei, sich gesund zu entwickeln und zu gedeihen.

Referenzen:

Agostoni et al.  Enteral Nutrient Supply for Preterm Infants: Commentary From the European Society of Paediatric Gastroenterology, Hepatology and Nutrition Committee on Nutrition. Journal of Pediatric Gastroenterology and Nutrition 50(1):p 85-91, January 2010.

Springer Medizin. Enterale Ernährung von Frühchen. [zuletzt zitiert am 25.05.2023] URL: https://www.springermedizin.de/emedpedia/paediatrie/enterale-ernaehrung-von-fruehgeborenen?epediaDoi=10.1007%2F978-3-642-54671-6_51

Mihatsch W. Enterale Ernährung von sehr kleinen Frühgeborenen. Mehr Protein in den ersten Lebenswochen. Pädiatrie hautnah 23 (S1). 2011.

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