Die Geburt eines zweiten Kindes ist für die ganze Familie eine spannende Erfahrung und auch Umstellung. Das erstgeborene Kind bekommt nicht nur einen zukünftigen Spielgefährten, sondern muss auch die Aufmerksamkeit der Eltern teilen.

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Zweites Kind bekommen: Eine Umstellung für alle

Die Geburt eines kleinen Geschwisterkindes ist für jedes Kind ein aufregendes Ereignis. Während es noch kurz zuvor das zu Hause allein mit den Eltern teilte, ist da nun plötzlich ein zweiter kleiner Mensch, der ebenfalls die Aufmerksamkeit der Eltern einfordert. Dabei wird Dein Erstgeborenes schnell die Erfahrung machen, dass auch sein Geschwisterkind zunächst noch auf die Großen angewiesen ist, um über die Umwelt zu lernen und sich zurechtzufinden. 

Während diese Zeit für Kinder zweifellos von großer Aufregung und Freude über das Geschwisterkind geprägt ist, kann sie jedoch auch neue Herausforderungen für das Erstgeborene und die ganze Familie bereithalten. So sind es gerade sehr junge Kinder noch nicht gewöhnt, die zuvor ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern nun mit dem kleinen Geschwisterkind zu teilen. Abhängig von der eigenen Persönlichkeitsstruktur und dem eigenen Temperament und dem Bindungsverhalten zu seinen engen Bezugspersonen, tun sich einige Kinder dabei schwerer als andere, sich an die Veränderungen in ihrer Familie anzupassen. Da sich Kinder sehr stark in Bezug auf ihr Temperament und ihre Verhaltensmuster unterscheiden, kann somit auch die Reaktion von Erstgeborenen auf die Geburt des zweiten Kindes sehr individuell verschieden ausfallen. Jedoch bieten die Erfahrungen, die Dein Erstgeborenes als Resultat der Geburt des Geschwisterkindes macht, auch enorme Möglichkeiten für seine emotionale und kognitive Entwicklung.  

Wie wirkt sich die Geburt des zweiten Kindes auf das Verhalten des Erstgeborenen aus?

Da Eltern nach der Geburt des zweiten Kindes weniger Zeit aufbringen können, um sich um ihr Erstgeborenes zu kümmern, ist die Geburt eines weiteren Kindes auch für das ältere Kind mit vielen Umstellungen verbunden. Wie gut Dein Erstgeborenes mit den Veränderungen umgehen kann und wie viel Verständnis es für die neue Familienstruktur aufbringen kann, hängt dabei unter anderem vom Entwicklungsstand Deines Kindes ab. Kinder, die bei der Geburt des zweiten Kindes schon weiter entwickelt sind, sind beispielsweise besser in der Lage, Veränderungen zu verstehen. Somit wird es ihnen etwas besser gelingen zu verstehen, wieso die Eltern nun zunächst etwas weniger Zeit haben, mit ihnen zu reden oder zu spielen. Sollte Dein Erstgeborenes noch etwas jünger sein, ist es daher hilfreich, ihm etwas mehr Unterstützung zu gewährleisten, um ihm oder ihr die Umstellung so einfach wie möglich zu gestalten. Drei Jahre – das ist der Abstand, ab dem es laut Studienlage auch heute noch mit den Geschwistern deutlich leichter wird. Die Frage ist jedoch nicht : „Wie viele Jahre sind der ideale Abstand zwischen dem Erst— und Zweitgeborenen“ sondern: „Wie lange kann mein erstes Kind schon warten, um seine Bedürfnisse erfüllt zu bekommen – und kann ich in dieser Zeitspanne einen zweiten, extrem bedürftigen kleinen Menschenkind wiederum seine Bedürfnisse erfüllen? Habe ich dann noch Platz für meine eigenen Bedürfnisse?“. 

Zudem hat die Persönlichkeitsstruktur des erstgeborenen Kindes einen Einfluss darauf, wie gut es sich an die Veränderungen in seiner oder ihrer Familie anpassen kann. Beispielsweise kann sich die Phase der Anpassung schwieriger für Kinder gestalten, die häufiger auf unterschiedliche Erfahrungen mit starken Emotionen reagieren. Für sogenannte ‘High-need Babys’, die eher zu einer negativen Stimmungslage neigen, die also häufiger Emotionen wie Wut oder Trauer empfinden, könnte die Umstellung mitunter schwerer fallen. Für alle Kinder gilt: Trotz, Aggression und Wut sind immer sekundäre Gefühle. Dahinter stecken Angst, Verzweiflung und Trauer. Es ist wichtig, dass Eltern lernen, diese Gefühle zu sehen und ihre großen Kinder gut zu begleiten. Das Erstgeborene soll alle  Aufmerksamkeit bekommen, die es braucht. Wenn es eifersüchtig wird oder Anpassungsschwierigkeiten in Form von Rückzugsverhalten, Schlafproblemen oder anhängliches Verhalten zeigt, benötigt es Extra-Umarmungen, Alleinsein mit Mama und / oder Papa und besonders viel Körperkontakt und volle Präsenz. 

Wie genau Dein Kind auf die veränderte Familienstruktur reagiert, hängt dabei auch von den Verhaltensmustern ab, die er oder sie für gewöhnlich zeigt. Dabei zeigen Kinder häufig in Stresssituationen die gleichen Verhaltensweisen, die sie für gewöhnlich im Alltag zeigen, jedoch in verstärkter Form. So würden beispielsweise Kinder, die dazu neigen, schnell zu weinen zu beginnen, in der Umstellungsphase diese Verhaltensweise nun häufiger zeigen. Solltest Du also merken, dass Dein Kind auch nach längerer Zeit nur wenig Verständnis für die Veränderungen, die seine oder ihre Familie betreffen, zeigt und häufiger als sonst stark emotional reagiert, könnte dies ein Zeichen sein, dass dein älteres Kind mehr Aufmerksamkeit, Liebe, Präsenz und Zuwendung von Dir und seinen engen Bezugspersonen benötigt um die Umstellung verarbeiten zu können. 

Weiter beeinflusst das Bindungsverhalten des Erstgeborenen sein Verhalten bei der Geburt des nächsten Kindes. Sicher gebundene Kinder entwickeln aufgrund von elterlicher Feinfühligkeit ein großes Vertrauen, dass die Eltern da sein werden, wenn das Kind sie braucht. Eine sichere Bindung entwickelt sich, wenn Eltern die Signale ihrer Säuglinge und Kleinkinder feinfühlig wahrnehmen, sie richtig interpretieren und angemessen und prompt reagieren.

Was können Eltern tun, um die Umstellung für das Erstgeborene so einfach wie möglich zu gestalten?

Vermeidung von zu vielen Veränderungen zeitgleich

Solltest Du bemerken, dass Dein Kind Schwierigkeiten hat, sich an die Veränderungen in der Familie zu gewöhnen, es beispielsweise emotionaler oder anhänglicher als gewöhnlich erscheint, ist es möglicherweise hilfreich, weitere große Umstellungen unmittelbar nach der Geburt zu vermeiden und ihm mehr volle Präsenz zu widmen. So wäre es in diesem Fall besser, größere Ereignisse, wie beispielsweise die Eingliederung in den Kindergarten, ein Wechsel des Kindergartens oder ein Wohnortwechsel nicht direkt für die Zeit nach der Geburt des zweiten Kindes einzuplanen. Durch das Vermeiden weiterer Veränderungen kann somit das Erleben von Stress sowohl für Dich als auch für Dein Kind so gering wie möglich gehalten werden und Gefühle von Überforderung seitens Deines Kindes vermieden werden. Inwieweit weitere Veränderungen und mögliche Stressfaktoren auch für Dich vermieden werden sollten, hängt dabei auch davon ab, ob sich Dein Kind empfindlich für diese Veränderungen zeigt.

Zweites Kind: Prioritäten setzen

Um Deinen Alltag zu entstressen und auch den Druck von Dir selbst zu nehmen, versuche, Deine Aufgaben zu priorisieren. Was muss wirklich sein? Was können Du und Dein Partner noch aufschieben, bis die Kinder größer sind? Kann der Umzug warten? Wie kannst Du Dir helfen lassen? Alle Alltagsaufgaben wie vorher zu schaffen, mag unmöglich erscheinen. Der Trick ist, dass Du nicht alles schaffen musst, sondern nur das Wichtigste: Deine Kinder lieben. Alles andere kann warten. In den ersten Monaten darfst Du die Wäsche direkt von der Wäscheleine anziehen, Fertigessen machen, wochenlang nicht staubsaugen, eine Putzhilfe engagieren, Rückrufe und Geburtstage vergessen, die Nachbarn einspannen und Dich nur um Dich und die Kinder kümmern. Die Beziehung sollte absolute Priorität haben, Du legst eine Grundlage dafür, wie Deine nächsten Jahre werden.

Den Umgang mit Deinem Kind an seine oder ihre Bedürfnisse anpassen

Für die gesunde Entwicklung Deines Kindes gerade zu Zeiten, die von starken Veränderungen geprägt sind, ist es ebenfalls von großer Bedeutung zu gewährleisten, dass die Umgebung Deines Kindes möglichst gut zu seinem oder ihrem Entwicklungsstand, seiner Persönlichkeit sowie zu seinem Temperament passt. So ist es wichtig, dass Du stets, trotz zusätzlichem Stress und Schlafmangel, den Du nach der Geburt des zweiten Kindes mit hoher Wahrscheinlichkeit erleben wirst, darauf achtest, dass die Bedürfnisse Deines Kindes erfüllt werden. Versuche dabei darauf zu achten, welche Signale Dein Kind sendet, damit Du Dein Verhalten danach richten und angemessen reagieren kannst. Zudem gilt es zu beachten, dass sich Kinder sehr stark in Bezug auf ihre Persönlichkeit, ihr Verhalten, sowie ihre Vorlieben unterscheiden. Kinder unterscheiden sich also sehr stark in Bezug darauf, was sie brauchen, wie viel Zuwendung und wie viel Aufmerksamkeit sie von ihren Eltern erwarten. Dementsprechend sollte auch Dein Umgang mit Deinem Kind zu seinen oder ihren persönlichen Eigenschaften passen. 

Das eigene emotionale Wohlbefinden sicherstellen 

Die Geburt eines Kindes ist für die Mutter mit starken hormonellen Veränderungen verbunden. Diese können Stimmungsschwankungen auslösen und mitunter sogar das Erleben einer Depression während der Schwangerschaft und nach der Geburt des Kindes fördern. Somit ist es gerade in der Zeit unmittelbar nach der Geburt wichtig, dass Du gut auf dich selbst achtest. Eine gesunde Ernährung, das Nachgehen sportlicher Aktivitäten, sowie ausreichend Schlaf und das gedankliche Abschalten sind dabei für die mentale Gesundheit von großer Bedeutung. Plane schon vor der Geburt ein, wer Dir wann und wie helfen kann, damit Du Zeit für Dich hast. Solltest Du jedoch merken, dass Dein emotionales Wohlbefinden über einen längeren Zeitraum stark beeinträchtigt ist, solltest Du einen Arzt oder Therapeuten aufsuchen. 

Soziale Unterstützung sicherstellen 

Obgleich die Geburt des zweiten Kindes für die ganze Familie eine schöne und aufregende Zeit ist, ist sie dennoch mit vielen Herausforderungen für die Eltern, sowie Geschwister verbunden. Während Du Dich früher auf die Erziehung nur eines Kindes fokussieren konntest, musst Du nun Deine Aufmerksamkeit teilen, um auf die Bedürfnisse beider Kinder einzugehen und deren Wohlergehen zu gewährleisten. Dabei ist es wichtig, dass Du trotz erlebtem Stress beiden Kindern gegenüber einen warmen Umgang zeigst und anstatt Dein älteres Kind nach Fehltritten zu bestrafen, geduldig und fürsorglich reagierst, um Deinem Kind Raum gibst, aus den eigenen Fehlern zu lernen. Dies kannst Du nur tun, wenn Du auf Dich selbst achtest und auch Dir Pausen einplanst. Um dies zu gewährleisten, musst Du Unterstützung von Familienmitgliedern, Freunden sowie dem Partner annehmen. Dies kann Dir dabei helfen, die wichtigsten Aufgaben im Haushalt sowie in der Kindererziehung zu bewältigen. 

Die Organisations- und Denkarbeit, um das Familienkonstrukt erfolgreich aufrechtzuerhalten, ist unsichtbar und wenig wertgeschätzt. Bilde also einen „Clan“ aus Familie, Freunden und Unterstützern. Jeder Besucher bringt etwas zu Essen mit oder hilft im Alltag mit dem Erstgeborenen. Teile die Care Arbeit gerecht mit Deinem Partner auf. Die Geburt des zweiten Kindes ist eine aufregende Zeit, die für die ganze Familie mit vielen Herausforderungen verbunden sein kann. Dennoch bietet die Geburt eines Geschwisterkindes enorme Möglichkeiten für die kognitive, sowie emotionale Entwicklung Deiner Kinder. So bietet die Geschwisterbeziehung für Kinder einen sicheren Raum, in dem sie Beziehungen erkunden können. In diesem sicheren Umfeld können Deine Kinder also lernen, Konflikte auszutragen, sowie Kompromisse zu finden, die Perspektive anderer zu verstehen und andere von ihren Ansichten zu überzeugen. Von diesen Lernerfahrungen früh in ihrer Entwicklung werden sie dann noch ihr ganzes Leben profitieren.

Zweites Kind: Wie können Eltern die Geschwisterbeziehung fördern?

Forscher haben folgende Phasen der Geschwisterbeziehung entwickelt.

  • in der ersten Phase von Geburt bis zum achten Monat, ist es wichtig, dass das große Kind alle Aufmerksamkeit bekommt, die es braucht. Eltern zeigen ihm weiter, wie es mit dem kleinen Kind umgehen kann.
  • Zwischen dem achten und sechzehnten Monat wird die Geschwisterbeziehung schwieriger, da durch das agilere Baby Konflikte und Rivalitäten in der Spielbeziehung hinzukommen. Eltern sollten Regeln aufstellen und keine Position beziehen.
  • Vom sechzehnten bis zum 24. Monat entwickeln beide Kinder eine Beziehung miteinander und sehen sich als Spielkameraden. Das jüngere Kind himmelt da Ältere an, jetzt nehmen Konflikte im Idealfall allmählich ab, wenn die Eltern diese nicht befeuern.

In der darauffolgenden Zeit bis zum vierten Lebensjahr werden weiter Konflikte geübt, und es entwickelt sich im Idealfall eine Freundschaft. Kinder lernen in diesen Jahren, miteinander zu verhandeln, einander empathisch zu begegnen, an einem Strang zu ziehen und sich abzugrenzen. 

Hier noch einmal das Wichtigste in Kürze: 

  • Die Geburt des zweiten Kindes ist eine Umstellung, die die ganze Familie vor neue Herausforderungen stellt 
  • Wie Erstgeborene dabei reagieren ist individuell sehr unterschiedlich und hängt von zahlreichen unterschiedlichen Faktoren ab
  • Solltest Du bemerken, dass Dein Erstgeborenes sehr emotional auf die nun veränderte Familienstruktur reagiert, wäre es hilfreich zu versuchen verstärkt auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen und weitere Stressfaktoren zu vermeiden 
  • Achte auf Dich und baue die ein soziales Netzwerk

Referenzen: 

Kramer L. Learning emotional understanding and emotion regulation through sibling interaction. Early Education and Development. 2014;25(2):160–84.  

Siegler RS, Eisenberg N, Gershoff ET, Saffran J, Leaper C. How children develop. New York, NY: Worth Publishers, Macmillan Learning; 2020.  

Volling BL. Family transitions following the birth of a sibling: An empirical review of changes in the Firstborn’s adjustment. Psychological Bulletin. 2012;138(3):497–528.  

Schmidt N. Geschwister als Team. Ideen für eine starke Familie. 2020; 19-43.

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